Widerhaken des Schönen

Aus dem Katalog „Der Stand der Dinge“

Ein Text von Willy Athenstädt, Kunsthalle Bremen

 

Werner Heinze – Gemälde

Werner Heinze hat seine Entwicklung als Maler autodidaktisch begonnen. Bevor der 1955 in Bad Rothenfelde geborene Künstler vor 17 Jahren Freischaffender wurde, studierte er Soziologie in Bielefeld. 1983 zog er nach Cadaques / Spanien, wo er auf sein Ziel zu malen, konzentriert hin arbeitete. Ausstellungen in Spanien und Deutschland dokumentieren seinen wachsenden Erfolg. Dabei ist sicher auch ausschlaggebend, dass sich in den letzten Jahren das Interesse des Publikums wieder mehr der realistischen Malerei zuwendet. Seit 1989 arbeitet und lebt der Maler wieder in Deutschland.

Werner Heinzes Öl- und Acrylgemälde der letzten Jahre sind dem unmittelbaren Eindruck verpflichtet. Die Stärke des Eindrucks spiegelt sich im monumentalen Bildaufbau und der Bewegtheit des Duktus. Heinze bringt seine Motive mit lebhaftem Gestus und mit breitem Pinsel auf die Leinwand, jedoch ohne je expressiv wirken zu wollen. Vielmehr gestaltet er Bauwerke und Natur aus großzügigen Farbflächen, die er – obwohl sie teilweise monochrom wirken – in viel­fältiger Tonalität ausarbeitet. Dabei sind es sowohl auf dem Bildträger gemischte, wie auf der Palette angesetzte Farben, die er mal spontan, dann wieder streng vorgeplant einsetzt. Besondere Aufmerksamkeit läßt er den Partien des reinen Lichts und des Schattens zukommen: Die Schattenbereiche sind in ihren Tönungen geradezu bunt, die Lichter erinnern an die Liebermannschen Lichtflecken.

Charakteristisch ist für Heinzes Bildauffassung das 140 x 170 cm große Gemälde „Brücke“ von 2000. Aus unmittelbarer Nahsicht blickt man über eine Parkbrücke hinweg auf eine Baumreihe und die dahinter sich vor einer Waldkulisse ausbreitende Wiese. Das die Brücke rechts und links begrenzende massive Geländer wird von den Bildrändern überschnitten und zieht den Betrachter nahezu in die Tiefe der Landschaft hinein. Als Farben dominieren das Grün der Vegetation, das Braun des Brückenwegs und das Weiß des Geländers. Das Subtile der Farbgebung offenbart sich da, wo man bemerkt, wie präzise die Stellen (Flecken) hellsten Sonnenlichts auf Handlauf und Pfosten und auf den Bodenbohlen in gleichem Weiß dargestellt sind. Der Reflex der hellsten Stellen auf den im Halbschatten liegenden Bereichen erzeugt eine warme Tönung – das gleiche Sienabraun, das hier abschattet, hellt dort die dunklen Stämme der Bäume auf. Immer wieder wird dieser Ton verwendet, um Gras und Blattwerk in das Lichterspiel einzubeziehen und zugleich eine Harmonisierung des Gesamten zu erzeugen. Das in seinem Gesamteindruck nahezu fotorealistisch anmutende Gemälde ist durchaus nicht in Feinmalerei ausgeführt. Vielmehr sind alle Partien in großzügiger Weise mit breitem Pinselstrich angelegt; die zunächst von scharfem Licht gezeichneten Konturen sind von Nahem betrachtet offen und weich im Verlauf. „Brücke“ ist wie viele Werke Heinzes anscheinend von impressionistischer Haltung gekennzeichnet. Das liegt nahe, verweist der Maler selbst darauf, dass ihm Max Liebermann und Lovis Corinth bedeutende Vorbilder sind. Mit dem Hinweis auf die sogenannten deutschen Impressionisten ist Heinzes Werk jedoch allein nicht zu verstehen.

Mehr als der impressionistische Einfluss zählt das Realistische, wie es sich im Besonderen bei dem großen amerikanischen Realisten Edward Hopper zeigt. Am Ende seines Lebens formulierte Hopper zwar im Rückblick auf sein Werk: „Ich glaube, ich bin immer noch ein Impressionist.“ Kennt man seine Gemälde, Aquarelle und Gouachen, mutet einen dieses Urteil jedoch seltsam an. Er meinte wohl zweierlei. Zum einen verwies er damit auf seine Auseinandersetzung mit Malern wie Monet und Manet, mit denen er sich während seiner pariser Studienjahre auseinandergesetzt hatte, zum anderen war es wohl seine Erklärung dafür, dass er sich in seinen Bildern dem Eindruck von Lichtspiel und Farbstimmungen in Landschaften und Städtebildern widmete. Jürgen Harten, der sich mit Hopper anlässlich der Retrospektive in der Kunsthalle Düsseldorf 1980 befasste, verwies darüber hinaus gehend darauf, dass Hoppers Sicht realistisch sei, durchaus auch im Sinne des Kritischen Realismus, wiewohl die Nähe dazu dem Amerikaner nicht einmal schwante. Es seien aber ….die Stille und das Zwielicht, […] Stillstand und das Schlaglicht …², die jene Einsamkeit vermitteln, die ihn typisieren.

Es ist also nicht von ungefähr so, dass Werner Heinzes Gemälde an Hoppers Werk erinnern: Auch für ihn sind ins Licht getauchte Landschaften und Veduten charakteristisch. Auch seine Bilder kennzeichnen monumental wirkende Ausschnitte in Farbstimmungen verschiedener Tageszeiten. Die Leere seiner Motive ruft eine Anmutung von Einsamkeit hervor, die in der Stimmung denen des großen Amerikaners vergleichbar ist. Denn es ist dies, was Heinzes Gemälde über die malerische Qualität hinaus als Besonderes enthalten. Die Szenerie ist immer menschenleer – diese Verlassenheit und die Nähe vor dem Motiv lässt den Betrachter spüren, dass er hier alleine ist. Dazu tritt verstärkend die sich nach und nach deutlich machende Kühle der Farbgebung. Wenn man beim ersten Ansehen von Heinzes Gemälden den Eindruck von Schönheit, Harmonie und Ruhe hat, so offenbaren sich nach einer Weile irritierende Einsichten. es sind dies die Kühle und die Leere. In einer Kritik zu einer Ausstellung in Cadaques findet sich der Hinweis, dies sei una pintura de soledad.

Ein scheinbarer Widerspruch zu dieser Bemerkung entsteht, wenn Heinze berichtet, wie er seine Motive findet. Es sei ihm darum zu tun, Bilder fest zu halten, die Eindrücke seines Naturerlebens wiedergeben. Ihm falle etwas als motivwürdig dann auf, wenn ihn eine Szenerie anrühre. Der synästhetische Eindruck sei es, den er in einem Bild zu fassen suche. Das sei es, das ihm den Antrieb zum Malen gebe. Solche Orte halte er dann fotografisch fest – die Gemälde entstehen im Atelier. Dabei erfährt das Motiv weitgehende kompositorische Veränderungen, die den momenthaften Eindruck noch verdichten. Genau dadurch wandelt sich das punktuelle und subjektive Erlebnis einer Szenerie zu etwas über sich hinaus Weisendes. Hier geschieht es, dass Heinzes reine Freude an einer schönen Impression, die er mitteilen will, sich als etwas nur bedingt Vermittelbares entpuppt. Schönheit zu empfinden ist etwas höchst Subjektives. Was der Eine ästhetisch nennt, ist dem Anderen fern. Der Einzelne ist in seiner Entscheidung über die Schönheit allein – einen allgemeinen Kanon gibt es nicht. Das macht dann – auch im psychologischen Sinne – das Gefühl der Einsamkeit vor Heinzes Gemälden wie „Brücke“ oder anderen aus.

Dass Heinze seine Bilder aus einer grundsätzlichen Erwägung heraus gestaltet, dass es ihm eben nicht um den impressionistischen, momenthaften Sinneneindruck geht, drücken auch seine lakonischen Bildtitel aus: Weg, Strand, Platz usw. Sie bezeichnen vor allem etwas Typisches, weniger einen konkreten Ort oder Augenblick. Typisch aber ist das Element des Realistischen. Und realistisch meint hier über das gegenständliche und naturnahe Abbilden hinaus die Einsicht in Gesellschaftliches. So sind Heinzes Darstellungen nicht als affirmative Feier der pittoresken Szenerie zu verstehen, vielmehr steckt in ihnen der Widerhaken, der einen an die Bedrohung des Schönen zu denken zwingt.

 

¹Kat. Ausst. Edward Hopper 1892 – 1967, Düsseldorf 1980, S. 27

² Kat. Ausst. Edward Hopper 1892 – 1967, Düsseldorf 1980, S. IX

 

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